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Impulse 2/2002

 

Aus unserem Archiv:
hier die Ausgabe vom Oktober 2002

Auch in diesem Jahr hält der September was er schon in den vergangenen Jahren versprochen hat. So kommt man vielleicht zu dem Entschluss, dass die Börse ja doch ganz  einfach ist, indem man sich von ihr im August verabschiedet. Man muss keine Bilanzen studieren, keine Chartformationen auswerten und hat somit  den Rest des Jahres gut Zeit, einige andere Dinge zu erledigen. Betrachten wir den diesjährigen September, dann geht diese Rechnung allemal wieder auf. Doch so leicht kalkulierbar wird Börse niemals sein. Neben dem traditionell schwachen Monat gibt es dafür natürlich  auch einige gute Gründe.

In Amerika zum Beispiel endet das Steuerjahr am 30.09.2002. Anleger rechnen ihre Verlustpositionen auf, um sie entsprechend steuerlich geltend zu machen. Sie verkaufen und drücken somit zusätzlich die Kurse. Der 11. September ließ im vergangenen Jahr die Börse erschüttern. Gewinnwarnungen, schwache Konjunktur, steigender Ölpreis und nicht zuletzt die verbalen Auseinandersetzungen und Kriegsgelüste zwischen den Amerikanern und dem Irak zwangen die Börsen weltweit auch diesen Monat wieder in die Knie. Die Kriegsgefahr im Nahen Osten, mit kaum abschätzbaren Folgen für die Weltwirtschaft, hat sich wie ein lähmender Schleier über die Börsen gelegt. Börsianer verachten nichts mehr als Ungewissheit!

Einmal entscheidender dürfte jedoch das psychologische Sentiment sein. So ging es mit Blick auf den 11. September, dem Jahrestag der Terroranschläge,  hauptsächlich um Emotionen.  So verbuchte der Dow Jones an den Tagen zuvor noch leichte Zugewinne. Die Realitäten holten jedoch die Märkte schnell  wieder ein und erstickten das zarte Pflänzchen der Hoffnung schon einen Tag danach. Der Konjunkturreport der US-Notenbank vor dem Haushaltsausschuss des US-Repräsentantenhauses, das so genannte Beige Book, bestätigte leider eine Verlangsamung der wirtschaftlichen Aktivitäten.  

Im Laufe der vergangenen Wochen gewann hauptsächlich die Talfahrt beim Dax stetig an Dynamik. So durchbrach der Deutsche Aktienindex  die psychologisch wichtige Marke von 3000 Punkten nachhaltig und sank somit auf den tiefsten Stand seit 1997. Blicken wir kurz zurück. 1997 standen wir noch am Anfang eines unglaublichen Börsenbooms. Keiner von uns war sich dessen bewusst. Der Index raste sodann auf über 8000 Punkte. Jetzt verbuchen  wir ein Minus mit  weit über 60 Prozent gegenüber dem Stand vom März 2000. Dies entspricht einer Vernichtung an Marktkapitalisierung von ca. 650 Milliarden Euro. Schaut man sich die Börsenbewertungen nun etwas genauer an, so stellt man fest, dass viele Unternehmen sogar unter ihrem Buchwert an der Börse gehandelt werden. Auch in der Geschichte war das immer wieder zu beobachten. Faire Preise gibt es nicht. Jede Börsenbewegung ob Baisse oder Hausse ist für Übertreibungen gut. Genau dieses tragische Spiel muss leider noch nicht abgepfiffen sein.

Wer verkauft eigentlich in dieser Situation noch? Händler machen hauptsächlich Großanleger dafür verantwortlich. Versicherungsgesellschaften, die ca. 30 Prozent aller deutschen Aktien halten, verkaufen in Größenordnungen. Zeit haben diese „Institutionellen“ im Vergleich zu privaten Investoren nicht. Um gesetzlichen Verpflichtungen gerecht zu werden, prognostizierte Erträge zu erreichen, sowie sich kurzfristig im Wettbewerb zu behaupten, geht man hier wohl auf Nummer sicher. Die stillen Reserven scheinen langsam dahinzuschmelzen. Der Druck bleibt trotzdem groß, den Zug in die andere Richtung dann nicht zu verpassen. Diese Anleger haben aber nicht die Zeit sich einfach zurückzulehnen und die ganze Börsenhektik abzuwarten, sondern müssen dem eigenen Aktionär und den Vorgesetzten regelmäßig positive Rechenschaft ablegen.                           

                                       

Weiter für Nervosität sorgte einmal mehr der dreifache Hexensabbat. Einen von vier Freitagen im Jahr, an den Abrechnungen bei Futures, Aktienoptionen und Indexoptionen erfolgen. Es sind letztendlich  Wetten auf eine  Kursentwicklung in einem bestimmten Produkt, und so wie die Kurse stehen, gehen die Wetten dann aus. Dieser  Tag entscheidet also über Gewinn und Verlust. Große Anleger wie Banken oder Fonds versuchen dann noch schnell den Markt in ihrem Sinne zu beeinflussen. Da wird an den Kursen gezerrt und gezogen, der DAX schwankt stärker als sonst, an der Börse herrscht eine brodelnde Stimmung und deshalb heißt das ganze auch Hexensabbat.  Am Montag darauf ist der Spuk dann auch vorbei. Diese Bewegung hat nur kurzfristigen Einfluss auf die Märkte. Wenn das alles gewesen wäre…

Dem gestressten Börsianer zum Trotz, mussten wir uns zusätzlich noch mit der  Wahl herumschlagen. Was hat uns die ganze Aufregung an den Tagen davor gebracht? Politikverdrossenheit hat sich am Markt breit gemacht. Doch unsere guten alten Medien haben zumindest etwas Bewegung induzieren können.  Für unsere Analysen haben politische Börsen nur kurze Beine. Selbst schon am Tag nach der Wahl konzentrierte man sich am  deutschen Börsenplatz wieder auf das Wesentliche. Die in Deutschland notwendigen Strukturreformen können unabhängig von den aktuellen Amtsinhabern nur langfristig etwas verändern. Um sich schnell aus dem derzeitigen Dilemma zu befreien, ist ohnehin, wie in den letzten Jahrzehnten, eine an Fahrt zunehmende Wirtschaftslokomotive USA unerlässlich.  

Was werden uns die nächsten Wochen bringen? Erfahrungsgemäß ist neben dem Monat September auch der Oktober geradezu für Börsenturbulenzen berüchtigt.

Ein wesentlicher Aspekt ist die Mitte September begonnene Ergebnisrevisionssaison. Dabei haben die Unternehmen die Möglichkeit, vor Bekanntgabe der tatsächlichen Quartalszahlen mögliche Abweichungen bekannt zu geben. Das diese Korrekturen eher nach unten gerichtet sind, dazu braucht man kein Prophet sein. Natürlich hat auch in den nächsten Wochen als stärkster Belastungsfaktor der Irakkonflikt  Bestand. Wie sollte man damit umgehen? Auch hier ist ein Blick in die Vergangenheit angebracht. Im Vorfeld militärischer Konflikte gaben die Kurse aus Angst, Verzweiflung und Ungewissheit sehr stark nach. Als der schlimmste Fall dann doch eingetreten war, stiegen die Kurse schon wieder. Anleger, die mit einem Krieg rechneten, verkauften in Panik, in Erwartung noch weiter fallender Kurse.  Käufe von geringem Volumen treffen auf eine sehr stark ausgetrockneten Markt und  bringen somit die Börse zum laufen – die Unsicherheit war den Börsianern genommen. 

Dieses Phänomen bezeichnet man als die vollendete Tatsache oder die endgültige Klarheit an der entsprechenden Situation.  

Das gegenwärtige Kursniveau lädt natürlich nach den herben Kursverlusten zum Aktien kaufen ein. Eine wirkliche Trendwende wird jedoch erst möglich sein, wenn die positiven Nachrichten wieder überwiegen. Ist dieser  Fall erst  eingetreten, wird der Markt seine Tiefststände schon hinter sich gelassen haben. Mutige Investoren die jetzt die Nerven behalten, werden langfristig belohnt. Auch diesmal wird die Börse, wie in ihrer gesamten Geschichte, keine andere sein – nach einer Baisse folgt nun einmal eine Hausse.


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