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Die Baisse

 

Die Preußen lagen bereits geschlagen im Gebüsch. Aber dann, ganz unerwartet, rappelten sie sich doch noch einmal auf und fielen von hinten über die Franzosen her. Abends, am 18. Juni 1815. Was zum großen Fiasko zu werden schien, kam so doch noch zu einem guten Ende. Oder umgekehrt. Napoleon war jedenfalls k.o., und Europas Fürstenhäuser feierten den Sieg. Der wahre Gewinner aber war ein ganz anderer: Nathan Rothschild.

Dank seiner Privatagenten erfuhr der Bankier in London als erster vom Ausgang der Schlacht. Der alte Schlauberger behielt die frohe Kunde jedoch für sich und streute statt dessen das Gerücht, die alliierten Truppen seien geschlagen. Ganz vorsätzlich löste er so einen schweren Kurssturz an der Börse aus, um die billigen Wertpapiere heimlich aufkaufen zu können. Als am nächsten Tag die Wahrheit über Waterloo bekannt geworden war, explodierten die Kurse, und Nathan konnte die Papiere mit Riesengewinn losschlagen.

Ohne die vorangegangenen Kursverluste wäre der Erlös viel spärlicher ausgefallen. An diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert: Wirkliche Reichtümer entstehen in der Baisse. In Zeiten fallender Kurse also, wenn alles zittert, zagt und zusammenbricht. Hugo Stinnes hat am Sturz der Reichsmark nach dem Ersten Weltkrieg ein Milliardenvermögen verdient. Nach dem gleichen Prinzip machte Hermann Diedrich Krages, Holzhändler aus Bremen, nach dem Zweiten Weltkrieg aus Trümmeraktien Gold.

Um an der Börse abzusahnen, braucht man einen gute Baisse. Am besten einen richtigen Kurssturz, so wie 1962, 1987, 1989 oder 1990. Wer indes während einer Hausse , also in Zeiten steigender Kurse, sein Glück versucht, kann eher weniger gewinnen. Aber viel verlieren – denn auf jede Hausse folgt eine Baisse. Das ist eine der wenigen Gewissheiten an der Börse. 

Die Baisse ist des Börsianers beste Freundin. Die Hausse indes ist furchtbar; jeden Tag die Angst, sie könne vorbei sein. Jeden Tag die peinigende Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt, die viel zu teuren Aktien zu kaufen. Jeden Tag der Ärger, weil man doch zu vorsichtig war und keine oder zu wenige Aktien gekauft hat. Oder weil man zu früh verkauft hat und nun noch teurer wieder einsteigen muss. Nie schlafen Börsianer schlechter als während einer Hausse.

Wie wunderbar ist demgegenüber die Baisse. Wenn die Kurse richtig fallen und man ganz beruhigt kaufen kann. Dann sind Aktien billig, und der Gewinn kommt garantiert. Denn auf eine Baisse folgt bekanntlich immer eine Hausse. Nichts zahlt sich für kluge Anleger deshalb mehr aus als ein Börsenkrach.